OHG Abijahrgang 2019 1Angenommen, es gäbe einen Gefühlsdetektor, der während einer Abiturfeier die Stimmungslagen und -schwankungen aller Anwesenden messen würde – das Ergebnis würde zweifelsohne belegen, dass der Saal von einem regelrechten Emotionscocktail durchwabert wird, in dem das Spektrum an menschlichen Regungen nahezu vollumfänglich repräsentiert ist. So wären neben Aufregung, Spannung und Erleichterung auch Unzufriedenheit, Groll, Neid oder Melancholie messbar.

„Ich denke, viele von uns sind heute mit gemischten Gefühlen hier.“ So eröffnete Jakob Moser, der Scheffelpreisträger des Abiturjahrgangs 2019, seine Rede vor dem Publikum, das erwartungsvoll und festlich gekleidet den großen Saal des Palatins füllte. Er ließ die letzten beiden Jahre kritisch Revue passieren und sparte nicht mit Kritik am Schulsystem. Durch die ständig vorzunehmenden Quantifizierungen und Kategorisierungen richten sich alle Beteiligten absurderweise an der scheinbar einzig relevanten Messgröße aus, der Note. Dies degradiere Lehrer zu „Prüfern“ und Schüler zu „Bulimielernern“. Dagegen setzte er die Idealvorstellung von der Schule als einem „Ort des Lernens und Wissensaustauschs“, in dem jeder Beteiligte jederzeit die Möglichkeit hat, „persönlich mit einem Experten zu sprechen, Rückfragen zu stellen und individuell auf den eigenen Lernfortschritt angepasste Antworten zu erhalten. – Wäre das nicht großartig?“

Die naheliegende Schlussfolgerung, auch das OHG sei ganz im Sinne des zugrundeliegenden Systems eher ein Ort des Wettbewerbs als ein Ort des Wissensaustauschs, erschien in den Reden der Schulleiterin Dr. Svenja Kuhfuß und des stellvertretenden Schulleiters Christian Annuschat in einem etwas anderen Licht. Beide betonten nachdrücklich den Wert des Persönlichen und Individuellen sowie die Bedeutung der in der Schule vermittelten „weichen“ und nicht messbaren Kompetenzen jenseits des verbindlichen Lernstoffs.

Christian Annuschat ging in seinen „Worten des Abschieds“ von einer eher privaten und damit fragmentarischen Beobachtung aus, die, wie er betonte, jedoch durchaus exemplarisch für den Jahrgang sei. Als Prüfungspausenaufsicht im schriftlichen Lateinabitur hörte er den Gesprächen der acht Prüflinge zu, die naturgemäß ihren Anfang in einer Nachbesprechung des ersten, soeben zu Ende gebrachten, Prüfungsteils nahmen, dann aber rasch zu anderen Themen wechselten. Seinen Eindruck von der herrschenden Gesprächskultur nahm er zum Anlass, dem Jahrgang 2019 die Tugenden Moral, Mut, Mitgefühl und Menschlichkeit zu attestieren.

Dr. Svenja Kuhfuß stellte ein Selbstporträt der Abiturientin Nele Weinmann in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen, das im Kunstunterricht entstanden war und nun die Einladungen zur Abiturfeier zierte. Es zeigt eine junge Frau, die angesichts tausendfach an sie herangetragener Forderungen ihren Fokus nach innen richtet und dem externen Ansturm zwei entschiedene Worte entgegensetzt: „Sei Du.“ Wenn Anerkennung und Wertschätzung an das perfekte Erfüllen äußerer Erwartungen gekoppelt werden, dann kann das ein Individuum förmlich erdrücken, schlussfolgerte Frau Kuhfuß. Doch ein Mensch bleibe immer wertvoll, „auch wenn er oder sie nicht perfekt ist. Fehler gehören zum Leben dazu und bringen uns letztlich weiter.“ Oft seien es die verschlungenen Pfade oder gar die Irrwege des Lebens, die uns Menschen entdecken lassen, wer wir wirklich sind und was wir wirklich wollen.

Diese Lebensweisheit bestätigte auch Oberbürgermeister Dirk Elkemann in seinem Grußwort: „Hätte mir vor 30 Jahren bei meiner Abiturfeier jemand gesagt, dass ich heute hier stehen und diese Rede halten würde – ich hätte es ihm nicht geglaubt.“ Ein Lebensweg sei nur begrenzt planbar, manchmal nahezu unvorhersagbar. Tausende von Entscheidungen markieren seinen Verlauf. Diese zu treffen sei eine Verantwortung und oft eine Last – die Freiheit, Entscheidungen überhaupt treffen zu dürfen aber auch ein Luxus, der nicht jedem Menschen gewährt werde.

Dr. Reinhold Miller betrat als Vertreter der Bürgerstiftung Wiesloch die Bühne des Palatins. Der Schülerförderpreis seiner Stiftung wird an junge Menschen vergeben, die trotz schwierigster persönlicher Bedingungen einen Abschluss erzielen, der deutlich über dem Erwartbaren liegt. Voller Freude und Anerkennung vergab Dr. Miller den mit 400€ dotierten Preis an Moritz Fuchs und Sama Alfar. Moritz hat trotz einer langjährigen schweren Erkrankung seinen Weg unbeirrt beschritten und nun sein Abitur souverän bewältigt. Sama war in der achten Klasse aus Syrien gekommen und sprach damals kaum Deutsch. Nun hat sie ein Abitur mit 1,0 in der Tasche. Beide Schüler, so Dr. Miller, inspirieren ihre Mitmenschen mit ihrer Entschlossenheit, Klugheit und klaren Haltung. Das Kernstück der Abiturfeier war natürlich die Zeugnisausgabe. Diese bestätigte, dass der Jahrgang 2019, wie Christian Annuschat es formulierte, „ein starker und selbstbewusster, sprich ein ganz besonderer Abiturjahrgang“ ist. Alle 128 Abiturien­tinnen und Abiturienten haben die Zielgerade durchlaufen, und das mit einem weit überdurchschnittlichen Durchschnittsergebnis von 2,1. Mehr als die Hälfte der Abiturienten erhielt einen Preis für besondere Leistungen in einzelnen Fächern oder für ihr Engagement in schulischen Gremien und Ensembles. 53 Leute haben eine „Eins“ vor dem Komma. Die Traumnote 1,0 wurde fünfmal vergeben.

Die vielseitigen Kompetenzen des Jahrgangs wurden nicht zuletzt auch durch die hervorragende Organisation des Abends sowie die hohe Qualität der musikalischen Beiträge belegt. Insofern ist wohl die These gerechtfertigt, dass ein Gefühlsdetektor bei dieser speziellen Veranstaltung überwiegend die Emotionen „Freude“, „Rührung“ und „Stolz“ gemessen hätte. Jakob Moser, der mit 888 von 900 möglichen Notenpunkten eines der besten Abiturergebnisse vorzuweisen hat, das am OHG jemals „gemessen“ wurde, fügte seiner kritischen Scheffelpreisrede am Ende auch ein gutes Quantum Dankbarkeit hinzu: Er bedankte sich bei allen Lehrern, „die wirklich Lehrer waren“ und versprach: „Die Kartons mit den Erinnerungen an Ihren Unterricht werden diejenigen sein, die ich als erstes auspacken werde, ganz egal, wohin meine Reise gehen wird.“

Abiturabschluss 2019 01   Abiturabschluss 2019 02

Sama Alfar, Damian Gleis, Tim Rausch, Marie Becker und Jakob Moser (Bild rechts) erzielten die Traumnote 1,0.
Neben Dr. Svenja Kuhfuß und Christian Annuschat gratulierte auch Oberbürgermeister Dirk Elkemann.

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