2015 Reunion kreolischer Abend 029 2Kennen Sie La Réunion? Dieses Eiland, 700 km östlich von Madagaskar mitten im Indischen Ozean gelegen, dürfte den meisten Deutschen geradezu paradiesisch vorkommen, gerade jetzt, wenn in unseren Breitengraden der Winter naht: In pittoresker vulkanisch geprägter Landschaft wuchert eine exotische Flora, und selbst im „Winter“ ist es dort mindestens so warm wie bei uns im Juli. Die Sonne verausgabt sich mit durchschnittlich 2000 Stunden pro Jahr. Damit dürfte La Réunion die sonnenreichste Region der Europäischen Union sein. Ja, Sie haben richtig gelesen: Als französisches Überseedépartement gehört die Insel, die etwa so groß wie das Saarland ist, politisch gesehen zu unserem Nachbarland. Wer dorthin reist, fliegt etwa 11 Stunden, doch er kann mit dem Euro bezahlen und sich auf französisch verständigen.

Der in diesem Jahr erstmals stattfindende Austausch zwischen Schülern des Collège Bassin Bleu in Sainte-Anne und dem Ottheinrich-Gymnasium Wiesloch läuft daher unter „Frankreich“. Wie bei allen Austauschen geht es für beide Seiten darum, die Fähigkeiten in der Fremdsprache zu verbessern und einen authentischen Einblick in die Kultur des Ziellandes zu erhalten. Das dürfte auf dem Hinbesuch von 23 réunionesischen Schülerinnen und Schülern sowie den Lehrkräften Florence Dijoux, Laura Chemin und Vincent Rieder, der vom 2. bis 16. Oktober stattfand, hervorragend funktioniert haben. In den beiden Wochen konnten die réunionesischen Gäste nicht nur freundschaftliche Beziehungen zu ihren deutschen Gastfamilien knüpfen sowie den hiesigen Schulalltag kennenlernen, sondern erlebten in einem abwechslungsreichen Programm unsere Region in ihren vielfältigen Facetten. Neben Führungen durch Wiesloch, Heidelberg und Schwetzingen war mit Besuchen der Bäckerei Rutz in Walldorf und der Audiwerke in Neckarsulm auch die Wirtschaft ein Teil des Programms. Doch sind es ja oftmals gar nicht die offiziellen Programmpunkte, sondern jene von den Einheimischen völlig unbeachteten kleinen Selbstverständlichkeiten, die beim weitgereisten Besucher den nachhaltigsten Eindruck erzeugen. Als da wären: Zur Schule radeln. Mit dem Zug fahren. Ohne Geschwindigkeits­begrenzung über die dreispurige Autobahn düsen. An der Landesgrenze stehen und hinüber nach Frankreich laufen. Durch buntes raschelndes Herbstlaub schlurfen. Morgens die Autoscheibe freikratzen müssen. Im Nieselregen frieren. Und das im Oktober, wo doch zu Hause auf La Réunion gerade der Sommer beginnt! Man sieht: Deutschland ist für die Réunionesen zweifelsohne ebenso „exotisch“ wie umgekehrt.

Seit mehr als einem Jahr hatten Iris Graf, Französischlehrerin am Ottheinrich-Gymnasium, und ihre Kollegin Florence Dijoux auf diesen besonderen Austausch hingearbeitet. Neben der Planung des Programms und der Zuordnung der Partner waren die Teilnehmer dazu angehalten, auf einer Internetplatform verschiedene Projekte zu bearbeiten und sich somit vorab kennenzulernen. Doch die beiden Organisatorinnen wollten ihre Leute nicht nur oberflächlich zusammenbringen, sondern sie durch gemeinschaftliches Tun zur Reflexion der eigenen und der fremden Kultur anregen. Ein ambitioniertes Lernziel für mehr oder weniger zufällig zusammengewürfelte Teenager, die gut 9000 km voneinander entfernt leben und sich bestenfalls über Skype kennen. Auf der Suche nach dem „verbindenden Element“ kristallisierte sich für die beiden Lehrerinnen recht schnell ein Thema von originärem menschlichen Interesse heraus: die unterschiedlichen Essgewohnheiten. Was verrät mehr über eine Region als die landestypische Küche? Und was bringt Menschen besser zusammen, als gemeinsam in der Küche zu schnippeln, zu brutzeln und zu garnieren?

So gesehen war der „Kreolische Abend“, der am Ende der ersten Woche in den Auswärtigenräumen des Gymnasiums stattfand, der vorläufige Höhepunkt des Austauschs. Eingeladen hatten die Réunionesen, die mit Unterstützung ihrer Gastfamilien viele Stunden in die Vorbereitung investiert hatten – und alle, alle kamen sie: Deutsche und Franzosen, Kinder und Eltern, Schüler und Lehrer. Die Tische bogen sich unter „Rougail Tomates“, „Cari Poulet“, „Riz Jaune“ oder „Paté Créole“, und die eher funktionalen Schulräume verwandelten sich durch den Duft der Gerichte, die fröhliche Musik und den Charme der Gastgeber in ein kleines kreolisches Paradies. Begleitet von Gitarre und Trommel boten die Franzosen traditionelle réunionesische Lieder dar, die von den Deutschen begeistert aufgenommen wurden. Als dann noch Maëlle, Muriel, Anne-Laure, Laurianne und Lucas in traditioneller kreolischer Bekleidung einen Maloya-Tanz mit unglaublichen Hüftschwüngen aufführten, hielt es keinen mehr auf den Sitzen. Die Réunionesen verbringen nun noch einige Tage in Berlin und im Europapark Rust, bevor sie sich mit „ihren“ Deutschen auf dem Flughafen Paris Orly treffen und gemeinsam nach Saint-Denis fliegen, in den Sommer, in die Sonne. Das Programm sieht spannende Exkursionen für „les Allemands“ vor, unter anderem eine Besteigung des 2630m hohen Vulkans Piton de la Fournaise. Und natürlich ein Bad im Indischen Ozean – wegen der Gefahr, in einen Seeigel zu treten, bitte nur mit Aquaschuhen! Na, werden Sie ein bisschen neidisch? Das kann man Ihnen nicht verübeln. Bleibt nur, den 23 deutschen Schülern viel Spaß auf der Südhalbkugel zu wünschen. Und: Schwingt zu Hause noch einmal den Kochlöffel und überlegt euch ein paar deutsche Lieder und Tänze, damit die „Soirée allemande“ ein ebensogroßer Erfolg wird wie der kreolische Abend.

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Bei den temperatmentvollen Rhythmen des Maloya gerät jeder noch so zurückhaltende Zuschauer in Bewegung. Kaum einer würde vermuten, dass der lebensfrohe Tanz auf die Sklaven zurückgeht, die bei der Zuckerrohrernte schuften mussten.

Die Tische des Auswärtigenraumes bogen sich unter der Last der vollen Töpfe, die traditionelle kreolische Gerichte enthielten.

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Die réunionesischen Gäste sowie ihre deutschen Gastgeber verbrachten einen wunderschönen kreolischen Abend in den Auswärtigenräumen des OHG.
Die tänzerischen und gesanglichen Darbietungen der Gäste wurden begeistert aufgenommen.

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